Die Entdeckung der Historie im alltäglichen Leben

Veröffentlicht am 19. April 2026 um 14:41

Über Rolf Schörken, Begegnungen mit Geschichte (1995)

Der Pädagoge und Historiker Rolf Schörken (1928–2014) hat den Blick auf die Gegenwärtigkeit des Vergangenen in der Lebenswelt von uns Menschen gelenkt; Geschichte ist im Alltag präsent. Den „außerwissenschaftlichen“ Umgang mit ihr begreift er als eine Sphäre „eigenen Rechts“. Sein Buch durchstreift dieses Gebiet und steckt voller interessanter Beobachtungen.

Buchcover von Rolf Schörken: Indianer spielen und marschieren (2006)

Mit freundlicher Genehmigung des Nordpark Verlags, Wuppertal

 

Indem sich die Historie als Fachwissenschaft ausbildete, grenzte sie sich vom sonstigen Umgang mit Geschichte ab. Diese Trennung besitzt eine Kehrseite: Die vorwissenschaftliche Sphäre des Vergangenheitsbezugs liegt nun außerhalb ihres Bereichs. Letztlich kann aber die Wissenschaft nicht ohne diese auskommen. Sobald es ihr an Resonanz mangelt, kreist sie nur noch um sich selbst. Bereits im 19. Jahrhundert trat ein erster Kritiker auf den Plan, der einen Maßstab von außen anlegte. Friedrich Nietzsche dachte in einer seiner „unzeitgemässe[n]“ Betrachtungen über Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben nach.[1]

Es ist eine neuere Entwicklung, dass die Wissenschaft ihrerseits nach außen schaut und im „Leben“ so etwas wie „Historie“ entdeckt. Im Zuge dieser Bestrebungen wird untersucht, wie Geschichte in Politik, Gesellschaft und Kultur konkret gegenwärtig ist. Rolf Schörken gehört zu den Ersten, die dieses Themenfeld erkundeten. Er lenkte den Blick auf das „riesige Gebiet von Biographien, Romanen, Sachbüchern, Filmen und Fernsehproduktionen zu geschichtlichen Gegenständen“, auf die man außerhalb der Wissenschaft stößt, und er betrachtet diese Publikationen als „ein Reich eigenen Rechts“.[2] Das Buch, das er hierüber verfasst hat, knüpft an Debatten innerhalb der Geschichtsdidaktik an, profitiert aber auch von der literaturwissenschaftlichen Kompetenz des Autors.

Einige Worte zur Person:[3] Schörken gehört der Luftwaffenhelfer-Generation an. 1928 geboren und in Barmen aufgewachsen, überlebte er den Krieg schwerverletzt. Der Fronteinsatz endete für den Jugendlichen in amerikanischer Kriegsgefangenschaft und in einer Situation, in der er – nach einer Beinamputation – vor dem Nichts stand.[4] Mit der ihn prägenden Generationserfahrung hat er sich zeitlebens auseinandergesetzt.[5] 

Die Jahre, die folgten, sahen schließlich besser aus, als zunächst zu erwarten war. Schörken holte das Abitur nach, studierte Germanistik und promovierte mit einer Dissertation über Thomas Manns monumentalen Roman Joseph und seine Brüder.[6] Von Heidegger in Freiburg, der seit 1952 wieder lehren durfte, blieb Schörken unbeeindruckt. Er war bestens motiviert, 1955 in den Schuldienst zu gehen, da ihm einer seiner Lehrer Vorbild sein konnte. Dieser hatte ihm die schöne Literatur nahe gebracht. Aus einer „einfachen Familie, ganz ungelehrt“ kommend, entdeckte der Schüler bei der Lektüre von Hölderlins Hyperion und Gedichten von Stefan George, dass er „in der Literatur […] eigentlich zu Hause“ ist.[7]

Schörkens Karriere, die 1974 zur Professur in Duisburg führte, beruhte darauf, dass er erkannte, was im Schulwesen damals dringlich war – und dass er die Chance bekam, an der Behebung der Defizite in leitenden Positionen zu arbeiten. Nach Kriegsende musste er kurioserweise noch einmal zurück auf die Schulbank, und da wurde ihm ein Geschichtsunterricht zugemutet, „der bei den Alten anfing und beim Abitur bei Bismarck angekommen war“.[8] Nach dem Studium wirkte Schörken entgegen seiner Neigung nicht primär als Germanist, weil das Fach Geschichte damals einfach wichtiger war. Er setzte sich für die Aufwertung politischer Bildung ein und war darin erfolgreich.

Sein „kategorischer Imperativ“ lautete: „Es geht nicht, dass eine Jugend heranwächst, die in einem ungewöhnlichen Zustand lebt und nicht weiß, wie dieser Zustand historisch zustande gekommen ist.“[9] Das Manko, auf das Schörken mit untertreibender Wortwahl hinwies, bestand, anders ausgedrückt, in einer Kluft zwischen „Alltagsbewusstsein“ und „Geschichtsbewusstsein“. Mit Letzterem meint er „ein durch historische Kenntnisse gestütztes Gegenwartsbewusstsein“.[10] Die Kategorie des Geschichtsbewusstseins, die Karl-Ernst Jeismann in den Mittelpunkt der Geschichtsdidaktik gestellt hat,[11] ist aus dieser Sicht plausibel; sie klingt nicht hohl oder wie ein bildungsbürgerliches Relikt.

In die 1970er Jahre fällt der Streit um die Hessischen Rahmenrichtlinien für Gesellschaftslehre (1972), mit denen der Geschichtsunterricht als eigenständiges Fach abgeschafft werden sollte, und der Aufbruch einer Geschichtsdidaktik, die von Jüngeren als Schörken – etwas schematisch gesagt: der 68er Generation – beeinflusst wurde. Schörken arbeitete an der neu gegründeten Zeitschrift Geschichtsdidaktik mit; sie stand nun dem Organ des Geschichtslehrerverbandes, Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (GWU), gegenüber. Doch wehrt er sich im Rückblick zurecht gegen die Einschätzung, dass im Zuge der damaligen Erneuerung ein „Paradigmenwechsel“ stattgefunden habe. Das zu behaupten, sei „Wichtigtuerei“; allenfalls handle es sich um ein „Paradigmenwechselchen“.[12]

Nach seiner Emeritierung 1994 führte Schörken „ein privates Leben als eine Art Schriftsteller“: „ich […] schreibe und schreibe – für einen kleinen Kreis von Freunden, manchmal nur für mich selbst, wie es gerade kommt.“[13] Was er ausarbeitete, ist oft autobiographisch gefärbt. Die Ergebnisse können sich sehen lassen - unter ihnen sind die Bücher Indianer spielen und marschieren über „Kinderkultur im Barmen der 1930er Jahre“ (2006)[14] und Als sich die Türen öffneten. Anfänge neuen Denkens nach 1945 (2012)[15] .

Wer in den verschiedenen Berufszweigen der ‚angewandten‘ Historie tätig ist oder jemals war, weiß um Größe und Gewicht des Themenspektrums, dem sich Schörken in Begegnungen mit Geschichte zuwendet. Bis heute ist es nicht leicht, es begrifflich zu strukturieren, weil in mancher Hinsicht – wohl infolge der langen Bevorzugung anderer Gesichtspunkte – die rechten Worte fehlen. Inzwischen hat sich als Generalnenner der englischsprachige Ausdruck Public History etabliert.[16] Doch er hat Nachteile, denn es kann ja nicht nur um Öffentlichkeit gehen – auch im eher privaten Lebensraum haben wir Menschen es mit vielerlei Bezug zur Vergangenheit zu tun. Fundstücke auf dem Trödelmarkt, die wir erwerben, gehören ebenso dazu wie Souvenirs oder ein ‚antiker‘ Kleiderschrank, den wir geerbt haben.

Schörken schlägt vor, den Gegensatz zwischen Wissenschaft und Lebenswelt in Bezug auf Geschichte mit dem Begriffspaar „Rekonstruktion“ und „Vergegenwärtigung“ zu fassen: Die professionelle Historikerschaft rekonstruiert Vergangenes, im Alltag wird Vergangenheit aber vergegenwärtigt.[17] Was die Seite der Wissenschaft betrifft, so übernimmt Schörken mit dem Ausdruck „Rekonstruktion“ einen Terminus, den etwa Ernst Schulin in seinen lesenswerten Studien zur Geschichte der Geschichtswissenschaft genutzt hat.[18] Die Antithese ist freilich nicht stark: Wer Vergangenes „rekonstruiert“, vergegenwärtigt es stets auch, und das gilt in gewisser Weise umgekehrt genauso. Deshalb wird man sagen müssen, dass die Übergänge fließend sind.  

Der großer Vorzug von Schörkens Buch ist die Fülle des ausgebreiteten Stoffs und der gut gewählten Beispiele. Auf die einleitenden Passagen folgt ein keineswegs vollständiger, aber spannender Durchgang durch die Geschichte der einschlägigen Literatur, vom historischen Roman des 19. Jahrhunderts über die Zwischenkriegszeit mit Lion Feuchtwanger, Ricarda Huch, Heinrich Mann und Stefan Zweig bis hin zu Dieter Kühn und Umberto Eco in unserer jüngeren Vergangenheit. Ergänzende Fallstudien sind Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass und Ernst Jünger gewidmet.[19]

Schörkens Schwerpunkt liegt aber auf Schriften mit hohen Auflageziffern, von Walter Scott über Victor von Scheffel und Felix Dahn bis hin zu Götter, Gräber und Gelehrte von Ceram (1949) und Rudolf Pörtners Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit (1959). In den Interpretationen, die Schörken gibt, wird deutlich, dass die Geschichtswissenschaft die literarischen Formen, mit Vergangenheit umzugehen, nicht verdrängt, wohl aber beeinflusst. Das führt dahin, dass etwa bei Ceram die Wege der Forschung und ihre Protagonisten, namentlich Archäologen, selbst dargestellt werden, so dass die Erzählung ihrer Entdeckungen die Spannung erzeugt, die ein beim breiten Publikum beliebtes Buch braucht.

Insgesamt zeigt Schörken eine breite Palette von „Darbietungsmöglichkeiten“ geschichtlicher Stoffe auf, denen in seinen Augen unterschiedliche Geschichtsinteressen entsprechen.[20] Das von ihm aufgestellte Tableau beansprucht nicht erschöpfend zu sein; so fehlt zum Beispiel das weite Gebiet des Geschichtsdramas, das gerade im 19. Jahrhundert wichtig war.[21] Andererseits dehnt er sein Thema bis hin zu Darstellungen aus, in denen – wie in Günter Grass‘ Butt – die Geschichte als Ganzes reflektiert wird. Und neben den Medien und Gattungen historischer Vergegenwärtigung berücksichtigt Schörken die Präsenz von ‚Geschichtspartikeln‘ im menschlichen Bewusstsein, wobei er Walter Kempowskis Wiedergabe von „Trivialgesprächen“ heranzieht und sie als Quelle nutzt.[22] Mit der Wendung von der Untersuchung medialer Angebote zur Analyse des ‚Geredes‘ in Straßenbahn oder Gefängnis wird das behandelte Gebiet nochmals erweitert.

In den Schlusskapiteln versucht Schörken, seinen Stoff zu bündeln, indem er „Funktionen der Geschichte in der Lebenswelt“ herausarbeitet. Er konzentriert sich auf drei Aspekte: „politische Legitimierung“, „soziale Aufwertung“ und „Erlebnissurrogate“.[23] Diese Auffächerung ist in der Art, wie sie konkret umgesetzt wird, ganz und gar nicht schematisch; die einzelnen Abschnitte enthalten eine Vielzahl interessanter Beobachtungen.

Schörken geht es, wie bereits gesagt, darum, dem lebensweltlichen Umgang mit Geschichte eine gewisse Legitimität zuzusprechen. Seine Begründung besteht in dem Nachweis, dass diese Art der Historie weit verbreitet, ja allgemein menschlich ist. Was für viele von uns selbstverständlich ist und was wir schätzen, kann nicht einfach für null und nichtig erklärt werden - auf diese Argumentation laufen seine Ausführungen hinaus. Das ist einleuchtend, doch stellen sich Anschluss-Fragen: Ist das Wort Historie oder Geschichte für jede Art von Vergangenheitsbezug passend? Gibt es neben den Differenzen zwischen Wissenschaft und Lebenswelt nicht auch basale Gemeinsamkeiten? Und vorausgesetzt, dass die Geschichte für Leser[24], mit der sich Schörken befasst, ganz generell eine gewisse Berechtigung besitzt - welche Kriterien erlauben es uns, die einzelnen historischen Produkte innerhalb dieses Feldes zu beurteilen? Es gibt viele Fragen, die einem in Anknüpfung an Schörkens Buch durch den Kopf gehen.

 

[1] Vgl. Friedrich Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen. Zweites Stück: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben [1874]. Abgedruckt in: ders.: Kritische Studienausgabe (KSA), hrsg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari. München 1988, S. 243–334.

[2] Rolf Schörken: Begegnungen mit Geschichte. Vom außerwissenschaftlichen Umgang mit der Historie in Literatur und Medien. Stuttgart 1995, S. 11. – Diesem Buch war ein thematisch verwandtes vorausgegangen:  Geschichte in der Alltagswelt. Wie uns Geschichte begegnet und was wir mit ihr machen. Stuttgart 1981.

[3] Einen guten Einblick in Schörkens Leben und Wirken gibt ein Interview, das der Geschichtsdidaktiker Thomas Sandkühler mit ihm geführt hat; auf die dortigen Aussagen stützt sich unsere biographische Skizze. Abgedruckt in: Historisches Lernen denken. Gespräche mit Geschichtsdidaktikern der Jahrgänge 1928–1947, hrsg. v. Thomas Sandkühler. Göttingen 2014, S. 38–60.

[4] Vgl. ebd., S. 39.

[5] Siehe u.a. Rolf Schörken: Die Niederlage als Generationserfahrung. Jugendliche nach dem Zusammenbruch der NS-Herrschaft. Weinheim, München 2004.  

[6] Ders.: Morphologie der Personen in Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“. Diss. phil. Bonn 1955, Druckfassung Bonn 1957. Geschrieben bei dem Germanisten Günther Müller.

[7] Historisches Lernen denken, S. 40.

[8] Ebd.

[9] Ebd., S. 41.

[10] Ebd., S. 42.

[11] Vgl. Karl-Ernst Jeismann: „‚Geschichtsbewußtsein‘. Überlegungen zur zentralen Kategorie eines neuen Ansatzes der Geschichtsdidaktik“, in: ders.: Geschichte als Horizont der Gegenwart. Über den Zusammenhang von Vergangenheitsdeutung, Gegenwartsverständnis und Zukunftsperspektive. Paderborn 1985, S. 43 –71.

[12] Historisches Lernen denken, S. 48. Vgl. auch ebd., S. 54.

[13] Ebd., S. 58.

[14] Erschienen im Nordpark Verlag, Wuppertal 2006.

[15] Erschienen im WOCHENSCHAU Verlag, Schwalbach/Taunus 2012.

[16] Vgl. etwa Christine Gundermann u.a.: Schlüsselbegriffe der Public History. Göttingen 2021.

[17] Schörken: Begegnungen mit Geschichte, S. 11 passim (Kap. I).

[18] Vgl. Ernst Schulin: Traditionskritik und Rekonstruktionsversuch. Studien zur Entwicklung von Geschichtswissenschaft und historischem Denken. Göttingen 1979.

[19] Vgl. Schörken: Begegnungen mit Geschichte, S. 25 – 104 (Kap. II und III).

[20] Ebd., S. 20.

[21] Vgl. etwa Walther Hinck: Geschichtsdichtung. Göttingen 1995, und Friedrich Sengle: Das Historische Drama in Deutschland. Geschichte eines literarischen Mythos. Stuttgart 1969.

[22] Schörken: Begegnungen mit Geschichte, S. 112–117.

[23] Ebd., S. 85–139 (Kap. IV). Im letzten Kapitel V behandelt Schörken Zeitung und Fernsehen. Siehe hierzu auch Geschichte im Fernsehen, hrsg. v. Guido Knopp und Siegfried Quandt. Darmstadt 1988.

[24] Vgl. Geschichte für Leser. Populäre Geschichtsschreibung im 20. Jahrhundert, hrsg. v. Wolfgang Hardtwig und Erhard Schütz. Stuttgart 2005.