Kann uns die ‚große‘ Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts noch Vorbild sein?

Veröffentlicht am 28. Juni 2026 um 09:14

Über Joachim Fest, Wege zur Geschichte (1992)

Joachim Fest (1926–2006), Hitler-Biograph und streitbarer Publizist, wurde vor hundert Jahren geboren und starb vor zwanzig Jahren. Durch die Notwendigkeit, die NS-Zeit aufzuarbeiten, kam er zur Zeitgeschichte. In zahlreichen Essays schlagen sich jedoch seine sonstigen kulturellen, literarischen und politischen Neigungen nieder. In dem hier behandelten Band widmet er sich drei Historikern, die seiner Einschätzung nach Maßstäbe setzten: Theodor Mommsen, Jacob Burckhardt und Golo Mann.

Jacob Burckhardt mit einer Bildermappe unterm Arm am Basler Münster, 1878 (Quelle: Wikipedia)

Am 23. Juni 2026 veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Zeitung, deren Feuilleton Joachim Fest von 1973 an zwanzig Jahre lang geleitet hat, die Droysen Lecture eines heute namhaften Zeithistorikers. Der ehemalige Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, Andreas Wirsching,[1] geht in ihr auf die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts ein. Er behandelt Macaulay und Michelet, also die „Whig interpretation of History“ in England und die republikanische Revolutions-Historie in Frankreich. Als deutsches Pendant wählt Wirsching nicht etwa den Altersgenossen der beiden, Leopold von Ranke, sondern den „borussischen“ Historiker Heinrich von Treitschke, der eine Generation jünger ist.

Diese Gegenüberstellung erklärt sich dadurch, dass Wirsching den Akzent auf die nationale Agenda legt, die alle drei verfolgten. Doch wirkt ein Antisemit wie Treitschke – verglichen mit Macaulay und Michelet – aus heutiger Sicht wenig anziehend. Mit Gervinus erwähnt Wirsching einen Demokraten, um dann zu Angehörigen jüngerer Generationen überzugehen.

Aber wie steht es um Ranke, Droysen, Gregorovius, Mommsen oder Jacob Burckhardt? Ist alles, was sich hinter diesen Namen verbirgt und in seiner Vielfalt und Weite über ‚deutsche Geschichte‘ weit hinausreicht, inzwischen belanglos geworden?

Noch in den 1980er Jahren stand es um die ‚großen‘ deutschsprachigen Historiker des 19. Jahrhunderts wohl ein wenig besser. Ob sie in die Vergessenheit abrutschen, stand zumindest auf der Kippe. Damals wurden nicht nur Werke von Dichtern und Philosophen in preiswerten, handlichen Taschenbuch-Ausgaben verbreitet, sondern im Zuge der Wiederentdeckung der Geschichte, die damals Platz griff, auch klassische Texte der Geschichtsschreibung. Die Verleger müssen mit einer ausreichenden Zahl von Abnehmern gerechnet haben; sonst hätte es diese Editionen ja nicht gegeben.

Zu den damals nachgedruckten Büchern zählte Johann Gustav Droysens Geschichte des Hellenismus (1833–1843), Theodor Mommsens Römische Geschichte (1854–1856), Ferdinand Gregorovius‘ Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter (1859–1872) und Burckhardts Griechische Kulturgeschichte (posthum 1898–1902).[2] Auch Jules Michelets Geschichte der Französischen Revolution (1847–1853) wurde wenig später übrigens in einer ähnlichen Edition greifbar.[3] Interessanterweise fehlte Ranke unter den Taschenbuch-Angeboten, die damals herauskamen; weder seine Geschichte der römischen Päpste (1834–1836) noch die Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation (1839–1847) und auch nicht die Französiche Geschichte (1852–1861) und die Englische Geschichte (1859–1869) wurden in einer vergleichbar weit verbreiteten Ausgabe neu aufgelegt. Ihm haftete wohl zu eindeutig das Image des Gründungsvaters einer veralteten fachlichen Tradition an, um noch für den Versuch einer Wiederentdeckung tauglich zu sein. Eduard Meyers Geschichte des Altertums (1884–1902) besaß eine geringere Prominenz; sie wurde nicht bei dtv, sondern in der – deutlich entlegeneren – Wissenschaftlichen Buchgesellschaft herausgebracht.[4]

Für Joachim Fest war diese historiographische Tradition noch lebendig, ja sie war für ihn ganz unmittelbar Vorbild und Maßstab. Dass sie ihm so nah stand, hat eine biographische Voraussetzung: Bildungsbürgerlich geprägt, war Fest früh mit ihr in Berührung gekommen. Die Lektüre des Jugendlichen mündete in eine Liebe zu Italien.[5]

Dass Fest nach 1945 ganz ungebrochen und mit großem Selbstbewusstsein an der Bildungswelt seines Elternhauses festhielt, hängt damit zusammen, dass er sich in Bezug auf die NS-Zeit persönlich nichts vorwerfen musste. Anders als manche aus seiner Generation, deren Zugehörigkeit zur NSDAP oder gar zur Waffen-SS erst spät bekannt wurde, ist Joachim Fest nicht durch Anpassungen ans NS-Regime belastet. Der Vater, Johannes Fest – ein Katholik in Berlin, in der Zeit der Weimarer Republik Lokalpolitiker des Zentrums und Mitglied des Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold – widersetzte sich den Nationalsozialisten mit großer Standfestigkeit. Joachim Fests beeindruckende Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend erschienen 2006, im Jahr seines Todes. Der Titel des Buches Ich nicht ist dem lateinischem Wahlspruch des Vaters entlehnt: „Etiam si omnes, ego non“.[6]

In dem Manesse-Bändchen Wege zur Geschichte veröffentlichte Fest 1992 Essays über bedeutende Historiker. Das behandelte Dreigespann besteht aus Theodor Mommsen, Jacob Burckhardt und Golo Mann. Zwei Persönlichkeiten gehören also dem 19. Jahrhundert an, und dann ist ein Zeitgenosse dabei, der Sohn Thomas Manns, der mit seiner Deutschen Geschichte des XIX. und XX. Jahrhunderts (1958) und der Biographie Wallenstein (1971) hohe Auflagenziffern erreichte.

Auch bei Fest fehlt Ranke. Dass er an Mommsen Gefallen fand, mag ganz persönliche Gründe gehabt haben. Der Außenseiter Jacob Burckhardt dagegen gewann im 20. Jahrhundert eine ungeahnte Aktualität – nicht zuletzt dank seiner düsteren Prophezeiungen in Bezug auf das bevorstehende Zeitalter der „Massen“. Einer von Fests akademischen Lehrern, der Germanist Walter Rehm, hatte dem Schweizer Historiker bereits 1930 eine Monographie gewidmet,[7] und Friedrich Meinecke, eine Autorität in der Historikerschaft, stellte 1948, nach der „deutschen Katastrophe“, eine damals noch ungewöhnliche Frage: ob Burckhardt nicht künftig Ranke an geistigem Gewicht übertreffen könnte.[8]

Fest schätzte die ‚große‘ Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts in hohem Maße. Ihre Bedeutung reicht seines Erachtens über die Geschichte der Geschichtswissenschaft hinaus. „In den Jahrzehnten zwischen Heinrich Heine und Theodor Fontane“, urteilte Fest, habe es „eine deutsche Literatur fast nur als Geschichtsschreibung“ gegeben; „ihr einziger überlieferungstauglicher Bestand“ seien „Droysen, Mommsen, Ranke, auch Treitschke und Jacob Burckhardt“. Die Lektüre dieser Historiker vermittele „Leseglück“.[9]

Einer Geschichtsschreibung dieses Typs traut er darüber hinaus einen Nutzen in der jeweiligen Gegenwart zu. Er ist überzeugt, dass der Stand geschichtlichen Wissens in der Bevölkerung eines Landes große politische Relevanz besitzt. Seine lebenskluge Beobachtung lautet: „Die Folgen verschwiegener, verfälschter Erinnerungen sind für das Bewußtsein der Völker verheerend.“[10] Bei dieser Aussage dürfte er die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert, etwa die Dolchstoßlegende, im Hinterkopf gehabt haben. Die Gefahren fehlender Kenntnisse seien größer als der mögliche Gewinn, den vorhandenes Wissen mit sich bringen kann, denn eine Lehrmeisterin im einfachen Sinne könne Clio nicht sein.[11] Für ihn besteht die nobelste und vordringliche Aufgabe der Historiker deshalb darin, Geschichte zu vermitteln.

Und Fest versteht sich selbst als ein Historiker. Sein erster Essayband, der die eben zitierte Aussage enthält, lässt dies bereits im Titel Aufgehobene Vergangenheit anklingen.[12] Das Buch endet mit einem Rundumschlag gegen die damals vordringende Sozialgeschichte und ihre geringe Publikumsresonanz. Fest greift in einem 1977 gehaltenen Vortrag die Diskussion um den Verlust der Geschichte auf, die seit langem geführt wurde. Er diagnostiziert eine Entfremdung von Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit. Die Misere führt er auf die Unfähigkeit der akademischen Historie zurück, das Publikum noch zu erreichen. Nachdem das Thema ‚Geschichte‘ nach 1945, bedingt durch die zurückliegende NS-Zeit, zurückgedrängt worden war, habe sich die Situation inzwischen gewandelt. Für die Jahre um 1980 hält er fest: „Noch nie hat es ein derartig breites Interesse an der Vergangenheit gegeben“.[13] Immerhin kam es wenig später zum Projekt einer mehrbändigen Deutschen Geschichte im Siedler-Verlag.[14]

1977 konnte Fest jedoch von einer „tiefeingewurzelte[n] Scheu“ vor dem „Wagnis“ einer „zusammenhängenden Deutung der Ereignisse“ sprechen.[15] Einen Seitenhieb gegen das Institut für Zeitgeschichte in München, das in einem „pompösen, mit allem Aufwand ausgestatteten Betonbau“ residiere,[16] verkneift er sich nicht; die Resultate, die zwanzig Historiker mit Planstellen erzielten, seien in „dürftige[r] Mitteilungsprosa“ abgefasst, „in denen das Oberseminar seine stilbildende Kraft“ demonstriere.[17] Die pointierte Einlassung konnte Fest sich leisten: Sie stammt von einem Autor, der mit seiner Hitler-Biographie und anderen Arbeiten seit den 1960er Jahren eine überaus große Resonanz für sich verbuchen konnte.[18]

Fest geht so weit zu behaupten, dass die „‚Krise der Geschichte‘“, die seinerzeit diskutiert wurde, „ganz offenbar eine Krise der Geschichtsschreibung“ sei. Eben deshalb lohne sich ein Blick auf „die große Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts“.[19] Mit diesen Überlegungen im Hinterkopf betreten wir Fests Wege zur Geschichte, die anderthalb Jahrzehnte später erschienen.[20]

Der längste der enthaltenen Beiträge beschäftigt sich mit dem Althistoriker Theodor Mommsen (1817–1903) und geht auf einen Vortrag zurück, den Fest 1982 vor der Berliner Wissenschaftlichen Gesellschaft hielt. Fest ordnet das Interesse an ihm der Wiederentdeckung des 19. Jahrhunderts zu, die sich damals abzeichnete.

Fest schildert, wie Mommsen in jüngerem Lebensalter seine erfolgreiche Römische Geschichte mit rhetorischem Geschick, einer gegenwartbezogenen, engagierten Sichtweise und viel Freude am Detail abfasste. Doch blieb das Werk unabgeschlossen; es endet mitten in der Geschichte Caesars, den Mommsen glorifiziert. Später widmete sich der Historiker beinahe asketisch der Einzelforschung. Fest betrachtet das Spannungsverhältnis zwischen dem stark arbeitsteilig organisierten wissenschaftlichen Betrieb, der sich damals allmählich ausbildete, und der Arbeit eines einzelnen Historikers, der sich als ‚freier Schriftsteller‘ versteht. Theodor Mommsen wurde 1902 der Nobelpreis für Literatur zugesprochen; er galt einem Werk, das genaugenommen ein Torso blieb; dessen literarischer Rang wurde aber durch die Preisverleihung gewissermaßen beglaubigt.

Für Fest bleibt es ein Rätsel, dass Mommsen die Römische Geschichte abbrach und niemals vollendete. Fest bewundert die „gewaltige Arbeitsenergie“, die Mommsen später zugunsten des Corpus lateinischer Inschriften und anderer Quellensammlungen einsetzte, [21] doch teilt Fest die „archivarische Leidenschaft“ des Althistorikers nicht.[22] Es sei eine Ironie dieser Lebensgeschichte, dass Mommsen wieder zerstörte, was er geschaffen hatte, nämlich eine der Leserschaft zugängliche Geschichtsschreibung auf wissenschaftlichem Niveau, wie sie sein Vorgänger auf dem Gebiet der alten Geschichte, Georg Barthold Niebuhr, in seiner spröden Art nicht hervorzubringen vermochte.

Mommsen habe die Trennung von „Forschung“ und „Vermittlung“ betrieben, schreibt Fest, und dadurch die Altertumswissenschaft „in Stücke gesprengt“;[23] die „zunehmende Isolierung eines selbst- und zielvergessenen Forschungsbetriebs“[24] nahm er in Kauf. Bereits im späten 19. Jahrhundert war also eingetreten, was Fest in seiner Gegenwart störte. Offenkundig hielt er diese Entwicklung nicht für zwangsläufig. Es hört sich wie ein leiser Vorwurf an, wenn er festhält, dass Mommsen seinen Blick aufs Ganze verlor, indem er sich forschend einengte: „Er sah es, erfaßte die problematischen Züge der Sache und kam doch davon nicht frei.“[25] Fest respektiert die persönlichen Qualitäten, die Mommsen einbrachte: „Arbeit, Pflicht, Dienst“; dies seien bürgerliche Tugenden.[26] Doch billigt er den eingeschlagenen Weg nicht und behandelt ausgiebig, dass Mommsen gegen Ende seines Lebens depressive Züge erkennen lässt.

Der mit Mommsen fast gleichaltrige Jacob Burckhardt (1818–1897) war eine ganz andere Persönlichkeit. Einen Überblick von dessen Leben und Werk gab Fest im Nachwort für eine Ausgabe der Weltgeschichtlichen Betrachtungen, die 1987 erschien.[27] Bei Burckhardts Schrift handelt es sich bekanntlich um die posthume Veröffentlichung eines Kollegs „Über das Studium der Geschichte“ in Basel. Fest erwähnt, dass sich im Winter 1870 35 Zuhörer einfanden, unter ihnen Friedrich Nietzsche. Seine Erläuterungen stellt Fest unter die Überschrift „Das tragische und wunderbare Schauspiel der Geschichte“, womit er wie im Mommsen-Essay einen hohen Ton anschlägt, um die historiographische Kunst des 19. Jahrhunderts zu feiern.

Fest kennzeichnet Burckhardts Haltung gegenüber der Vergangenheit mit den Vokabeln „Schwermut“ und „Vergänglichkeitsbewußtsein“. Die Hinwendung des Sohnes einer Familie des städtischen Patriziats zur Geschichte rühre daher, dass er sich mit den Tendenzen des eigenen Zeitalters überworfen hatte;[28] das Schwinden der „Bildung Alteuropas“ bedauerte Burckhardt,[29] so dass seine Geschichtsbetrachtung elegische Züge trägt. Vom Wissenschaftsbetrieb hielt er sich – anders als der „fortschrittlich“ gesinnte Mommsen – fern und blieb ein „altmodischer Universalgelehrter“. Fest ordnet Burckhardt in die „zivilisationskritische Unterströmung“ des 19. Jahrhunderts ein.[30] In der „europäischen Herkunftsgeschichte“, der er sich widmete, war der „Dauergegensatz zwischen der Kultur und den Kräften ihrer Verneinung“, wie er sich auch in Fests Gegenwart wieder zeige, das bevorzugte Thema.[31] Burckhardt stand gegen die zu seinen Lebzeiten sich bereits abzeichnende „Übermacht des Politischen“[32].

Burckhardts „Zugang zum historischen Stoff“ sei eher „künstlerisch“ als wissenschaftlich gewesen. Er liebte „Bilder“ mehr als ein „System“, wie es Hegel in seiner Philosophie der Geschichte geschaffen hatte. In der „Plastizität“ der Darstellung, zu der Burckhardt gelangte und die nicht erzählerisch, sondern gedanklich, reflexiv und vergleichend angelegt sei, spiegele sich der „Durst“ dieses Historikers „nach Anschauung“.[33]

Der resignative Zug, der für Burckhardts Weltsicht charakteristisch sei, habe schließlich dazu geführt, dass er nach Erscheinen der Cultur der Renaissance in Italien (1860)[34] nicht weiter publizierte. Seine „mit der Autorität großer Altersweisheit vorgetragene Erkenntnis […] der Dauer im Wechsel“ münde in die Weltgeschichtlichen Betrachtungen. Was sein Werk vermitteln könne, so Fest, sei „Sinn für Distanz“ und „die aus aller Zeitgenossenschaft immer heraustretende Unabhängigkeit des Denkens“.[35]

Das Bändchen Wege zur Geschichte schließt mit einer Laudatio auf Golo Mann (1909–1994) anlässlich der Verleihung des Goethe-Preises an den Historiker in der Frankfurter Paulskirche im Jahr 1985. Mit ihm rückt die grauenvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts in den Blick, deren Zeitgenosse auch Fest selbst ist. Er zitiert Golo Mann mit den Worten: „Aber ich weiß, daß das Maß an Lebensfreude, das ich je besaß, durch die Erfahrungen der dreißiger und vierziger Jahre, vor allem durch den Judenmord, sehr stark reduziert wurde und reduziert bleiben wird. […] Die Hypothek auf meinem Leben werde ich nicht mehr los“. Was ihn beschwerte, war nicht nur die Trauer um alles Verlorene und Vernichtete, sondern auch die „Furcht vor einem neuen Ausbruch des Vulkans“.[36] Der Ausdruck Holocaust oder Shoah war damals noch nicht gebräuchlich, die Sache aber – zumindest für diese beiden Historiker – unübersehbar und zentral gegenwärtig.

Was aber lässt sich aus der Erfahrung mit dem Nationalsozialismus, seinem erstaunlichen Aufstieg und den gigantischen Verbrechen lernen? Mit Blick auf Golo Mann antwortet Fest: Durch die Erfahrung der Emigration seien „die in den Tumulten der Epoche verlorengegangenen oder im blasierten Disput zerredeten, sehr einfachen Unterscheidungen zwischen Gut und Böse, zwischen dem Dienlichen und dem Verstiegenen wieder zurückgekehrt“. Ein „Nachhall davon“ durchziehe das Werk dieses Historikers mit seiner „klare[n], kräftige[n] Sprache“.[37] Auch stilistisch tue sich in ihm die „wohltuende  Kühle wissenschaftlichen Geistes“ kund. Für Fest hat der erzählende Duktus der Geschichtsschreibung, wie er ihn bei Golo Mann beobachtet, einen ideologiekritischen Aspekt. Ideologien „tun der Fülle der Erscheinungen Gewalt an“; die Vielfalt des Geschehens und die Komplexität der Zustände lasse sich, davon ist Fest überzeugt, nur im Medium der Erzählung fassen.[38]

Fest schließt seine Rede mit allgemeinen Erwägungen zu der Frage: „Wie schreibt man Geschichte?“ Obenan stehe die „Gerechtigkeit“, meint er, wie sie etwa auch Ricarda Huch und Lord Acton geübt hätten;[39] der Wille dazu sei heute oft abhandengekommen und stattdessen besserwisserisches Verdammen auf die Tagesordnung gelangt. Bevor man sich ein geschichtliches Urteil bilden könne, müssten aber „die toten Bestände ins Leben zurückgeholt“ werden, was nur literarisch zu erreichen sei.[40] Fest betont die schöpferische Leistung des ‚Geschichte‘ erkennenden und sie schreibenden Subjekts. Schiller habe in den Wallenstein-Dramen manches erfunden, was sich dann später erst durch neu aufgefundene Quellen bewahrheitete.[41] Ganz im Bewusstsein solcher Nähe zwischen Faktizität und Fiktion habe Golo Mann seinen Wallenstein als „historischen Roman“ bezeichnet, obwohl er – anders als sein Vater – kein Dichter, sondern Historiker war.[42]

Wie aber lässt sich nun die – mehr oder weniger implizite – Historik des Joachim Fest, die im Vorigen sichtbar wurde, beurteilen? Fest evoziert eine Konstellation, in der Kunst, Wissenschaft und bürgerliche Bildung in gewisser Weise noch eine Einheit bildeten. Sie gehört recht eigentlich der Mitte des 19. Jahrhunderts an; insofern ist Fests Bezugnahme auf die ‚große‘ Geschichtsschreibung dieser Ära stimmig. Die Umstände wandelten sich jedoch schon in den Jahrzehnten danach, wie sich im Mommsen-Essay andeutet.

Die aufgeworfenen Fragen des Verhältnisses von ‚Geschichte‘ und ‚Kunst‘ sowie von ‚Geschichte‘ und ‚Erzählung‘ bedürften einer Diskussion, die den Rahmen dieses Essays sprengt. Unabhängig davon können uns Fests pointierte Stellungnahmen aber Denkanstöße geben – kaum ein Historiker und Zeitgenosse der ‚alten‘ Bundesrepublik urteilte und schrieb so selbständig und unabhängig wie er.

 

[1] Vgl. Andreas Wirsching: „Ausschluss als Verfahren ist die dümmste historische Methode“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24. Juni 2024, S. N 5.

[2] Diese Werke erschienen im Deutschen Taschenbuch-Verlag, München (dtv) zwischen 1976 und 1980.

[3] Erschienen bei Eichborn, Frankfurt/M., 1988.

[4] Eduard Meyer: Geschichte des Alterthums. Darmstadt 1981.

[5] Vgl. hierzu Joachim Fest: Im Gegenlicht. Eine italienische Reise. Berlin 1988.

[6] Ders.: Ich nicht. Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend. Reinbek bei Hamburg 2006. – Der Wahlspruch lautet auf Deutsch sinngemäß: „Auch wenn alle mitmachen, ich nicht.“

[7] Walther Rehm: Jacob Burckhardt. Frauenfeld 1930.

[8] Friedrich Meinecke: Ranke und Burckhardt. Ein Vortrag, gehalten in der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Berlin 1948.

[9] Joachim Fest: „Erinnerung zum schreibenden Umgang mit der Geschichte. Zur Verleihung der Wilhelm-Leuschner-Medaille“ (1999), in: ders.: Bürgerlichkeit als Lebensform. Späte Essays. Reinbek  bei Hamburg 2008, S. 27–36, hier: S. 30.

[10] Ders.: „Noch einmal: Abschied von der Geschichte. Polemische Überlegungen zur Entfremdung von Wissenschaft und Öffentlichkeit“ (1977), in: ders.: Aufgehobene Vergangenheit. Porträts und Betrachtungen. Stuttgart 1981, S. 239 – 261, hier: S.261.

[11] Fest schließt sich in dieser Hinsicht einer Position des Historismus an. Siehe dazu Reinhart Koselleck: „Historia Magistra Vitae. Zur Auflösung eines Topos im Horizont neuzeitlich bewegter Geschichte“ (1967), in: ders.: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt/M. 1979, S. 38–66.

[12] Siehe hierzu Anm. 10.

[13] J. Fest: „Noch einmal: Abschied“ (wie Anm. 10), S. 242.

[14] Vgl. ders.: „Von der Unverlorenheit der deutschen Frage. Eine sechsbändige Geschichte der Deutschen und ihrer Nation weist auf ein altes Dilemma“ (1982), in: ders.: Nach dem Scheitern der Utopien. Hamburg 2007, S. 131–140.

[15] Ders.: „Noch einmal: Abschied“ (wie Anm. 10), S. 245.

[16] Ebd., S. 257.

[17] Ebd., S. 258.

[18] Vgl. Joachim Fest: Das Gesicht des Dritten Reiches. Profile einer totalitären Herrschaft. München 1963, und ders.: Hitler. Eine Biographie. Frankfurt/M. 1973, sowie später Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli. Berlin 1994, und Speer. Eine Biographie. Berlin 1999. – Der Politikwissenschaftler Franz Walter hat für dieses Jahr eine Fest-Biographie angekündigt, die in der Tat ein Desiderat ist. Ders.: Joachim Fest. Ein Leben im 20. Jahrhundert. München 2026 (noch nicht erschienen).

[19] S. 252. Hervorhebung von D.S. – Mehrfach hat Fest der angedeuteten Sicht auf die Historie, die er dezidiert als Kunst versteht, Ausdruck verliehen. Siehe hierzu auch seinen Essay über den Schweizer Historiker Herbert Lüthy, dem er persönlich nahestand. Ders.: „Die verlorene Kunst – Geschichtsschreibung als Wissenschaft und Literatur. Eine Betrachtung über Herbert Lüthy“ (2006), in: Joachim Fest: Bürgerlichkeit als Lebensform. Späte Essays. Reinbek bei Hamburg 2008, S. 37–51.

[20] Ders.: Wege zur Geschichte. Über Theodor Mommsen, Jacob Burckhardt und Golo Mann. Zürich: Manesse, 1992. - Die Einleitung verfasste Christian Meier, ein Althistoriker, der im sogenannten Historikerstreit im Verhältnis zu Fest eher auf der anderen Seite stand; umso erfreulicher, dass sie hier zusammenfanden – die Ambition der ‚großen‘ Geschichtsschreibung verbindet beide. Vgl. Christian Meier: Caesar. Berlin 1982, und ders.: Athen. Ein Neubeginn der Weltgeschichte. Berlin 1993.

[21] J. Fest: Wege zur Geschichte (wie Anm. 20), S. 51.

[22] Ebd., S. 53.

[23] Ebd., S. 56.

[24] Ebd., S. 58.

[25] Ebd., S. 58.

[26] Ebd., S. 61.

[27] Vgl. Jacob Burckhardt: Weltgeschichtliche Betrachtungen. Über geschichtliches Studium (1905, hrsg. von Jacob Oeri). München 1978, und ders.: Über das Studium der Geschichte. Der Text der „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ auf Grund der Vorarbeiten von Ernst Ziegler nach den Handschriften hrsg. von Peter Ganz. München 1982.

[28] J. Fest: Wege zur Geschichte (wie Anm. 20), S. 75.

[29] Ebd., S. 92.

[30] Ebd., S. 77 und S. 76.

[31] Ebd., S. 81.

[32] Ebd., S. 86.

[33] Ebd., S. 83.

[34] Vgl. Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch (1860). Stuttgart 1976.

[35] J. Fest: Wege zur Geschichte (wie Anm. 20), S. 110.

[36] Ebd., S. 118.

[37] Ebd., S. 119.

[38] Ebd., S. 125

[39] Ricarda Huch (1864–1947) war eine Schriftstellerin, die auch groß angelegte geschichtliche Darstellungen erarbeitete. Vgl. u.a. dies.: Der Dreißigjährige Krieg. Der große Krieg in Deutschland (1912). Frankfurt/M. 1978. Lord Acton (1934 – 1902) ist ein namhafter britischer Historiker, Politiker und Schriftsteller.

[40] J. Fest: Wege zur Geschichte, S. 128.

[41] Vgl. ebd., S. 129.

[42] Ebd., S. 130.