Auf der Basis seiner Schulerfahrung hat der Pädagoge und Historiker Rolf Schörken (1928–2014) den Blick auf die Gegenwärtigkeit des Vergangenen in der Lebenswelt gelenkt; Geschichte ist im Alltag präsent. Den „außerwissenschaftlichen“ Umgang mit ihr begreift er als eine Sphäre „eigenen Rechts“. Sein Buch durchstreift dieses Gebiet und steckt voller interessanter Beobachtungen.
Klassenzimmer einer Schule um 1900
(Schulmuseum Bergisch Gladbach, Sammlung Cüppers,
Foto: Peter Joerißen, Wikipedia)
Der Stolz der Historie als Fachwissenschaft besteht darin, dass sie sich als eine eigene Instanz konstituiert hat. Doch hat die Separierung vom Rest des Umgangs mit Geschichte eine Kehrseite: Die vorwissenschaftliche Sphäre des Vergangenheitsbezugs liegt nun außerhalb. Sobald die Wissenschaft aber einen Mangel an Resonanz zu beklagen hat, läuft sie Gefahr, nur noch um sich selbst zu kreisen. Bereits im 19. Jahrhundert trat ein erster Kritiker auf den Plan. Friedrich Nietzsche dachte in einer „unzeitgemässe[n]“ Betrachtung über Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben nach.[1] Doch erst viel später schaute sich die Wissenschaft selbst an, wie Geschichte außerhalb ihres Bezirks in Gesellschaft, Kultur und Öffentlichkeit konkret gegenwärtig ist.
Rolf Schörken gehört zu denen, die den Blick auf das „riesige Gebiet von Biographien, Romanen, Sachbüchern, Filmen und Fernsehproduktionen zu geschichtlichen Gegenständen“ gelenkt und es als „ein Reich eigenen Rechts“ betrachtet hat.[2] Sein Buch knüpft an Diskussionen innerhalb der Geschichtsdidaktik an, profitiert aber auch von der Neigung des Autors zur Literatur.
Einige Worte zur Person:[3] Schörken gehört der Luftwaffenhelfer-Generation an; 1928 in Barmen aufgewachsen, überlebte er den Krieg schwerverletzt. Er endete für den Jugendlichen in amerikanischer Kriegsgefangenschaft und in einer Situation, in der er – nach einer Beinamputation – vor dem Nichts stand.[4] Mit der ihn prägenden Generationserfahrung hat er sich zeitlebens auseinandergesetzt.[5] Die Jahre, die folgten, sahen schließlich besser aus, als zunächst zu befürchtet war. Schörken holte das Abitur nach, studierte Germanistik und promovierte mit einer Dissertation über Thomas Manns Joseph-Romane.[6] Von Heidegger in Freiburg, der seit 1952 wieder lehren durfte, blieb Schörken unbeeindruckt. Er war motiviert, 1955 in den Schuldienst zu gehen, weil es ein Lehrer gewesen war, der ihm die schöne Literatur, für die sein Herz schlug, überhaupt erst nahe gebracht hatte. Aus einer „einfachen Familie, ganz ungelehrt“ kommend, entdeckte der Schüler durch Hölderlins Hyperion und Gedichte von Stefan George, dass er „in der Literatur […] eigentlich zu Hause“ ist.[7]
Schörkens Karriere, die 1974 zur Professur in Duisburg führte, beruhte darauf, dass er erkannte, was im Schulwesen damals gebraucht wurde – und dass er die Chance bekam, an der Behebung der Defizite in leitenden Positionen zu arbeiten. Nach Kriegsende musste er noch einmal zurück auf die Schulbank, und da wurde ihm ein Geschichtsunterricht zugemutet, „der bei den Alten anfing und beim Abitur bei Bismarck angekommen war“.[8] Nach dem Studium wirkte Schörken entgegen seiner Neigung nicht primär als Germanist, weil Geschichte damals einfach wichtiger war. Er setzte sich für die Aufwertung der politischen Bildung ein.
Schörkens „kategorischer Imperativ“ lautete: „Es geht nicht, dass eine Jugend heranwächst, die in einem ungewöhnlichen Zustand lebt und nicht weiß, wie dieser Zustand historisch zustande gekommen ist.“[9] Die Dichotomie, die er hier in aller Zurückhaltung benennt, kleidet Schörken in die Begriffe „Alltagsbewusstsein“ und „Geschichtsbewusstsein“. Mit Letzterem ist „ein durch historische Kenntnisse gestütztes Gegenwartsbewusstsein“ gemeint.[10] Die Kategorie des Geschichtsbewusstseins, die der Didaktiker Karl-Ernst Jeismann in den Mittelpunkt gestellt hat,[11] ist aus dieser Sicht plausibel; sie klingt nicht hohl.
In die 1970er Jahre fällt der Streit um die Hessischen Rahmenrichtlinien für Gesellschaftslehre (1972), die den Geschichtsunterricht als eigenständiges Fach abschaffen wollten, und der Aufbruch einer Geschichtsdidaktik, die von Jüngeren als Schörken – etwas schematisch gesagt: der 68er Generation – beeinflusst wurde. Schörken arbeitete an der neu gegründeten Zeitschrift Geschichtsdidaktik mit, die dem bis dahin dominierenden Organ des Geschichtslehrerverbandes, Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (GWU), nun gegenüberstand. Doch wehrt er sich zurecht gegen die Vorstellung, durch die damalige Erneuerung der Didaktik sei ein „Paradigmenwechsel“ erfolgt. Das sei „Wichtigtuerei“, allenfalls handle es sich um ein „Paradigmenwechselchen“.[12]
Nach seiner Emeritierung 1994 führte Schörken „ein privates Leben als eine Art Schriftsteller“: „ich […] schreibe und schreibe – für einen kleinen Kreis von Freunden, manchmal nur für mich selbst, wie es gerade kommt.“[13] Die Ergebnisse wie Indianer spielen und marschieren (2006) über „Kinderkultur im Barmen der 1930er Jahre“[14] und Als sich die Türen öffneten. Anfänge neuen Denkens nach 1945 (2012)[15] können sich sehen lassen.
Wer in den verschiedenen Berufszweigen der ‚angewandten‘ Historie tätig ist oder jemals war, weiß um Größe und Gewicht des Themas, das Schörken in Begegnungen mit Geschichte aufgreift. Bis heute ist es nicht leicht, es begrifflich zu strukturieren, weil in mancher Hinsicht – wohl infolge der langen Bevorzugung anderer Gesichtspunkte – die rechten Worte fehlen. Inzwischen hat sich als Generalnenner der englischsprachige Ausdruck Public History etabliert.[16] Doch er hat Nachteile, denn es kann ja nicht nur um Öffentlichkeit gehen – auch im eher privaten Lebensraum haben wir Menschen es mit vielerlei Bezug zur Vergangenheit zu tun. Unsere kleinen Erwerbungen auf dem Trödelmarkt gehören ebenso dazu wie Souvenirs oder ein ‚antiker‘ Kleiderschrank, den wir geerbt haben.
Schörken schlägt vor, den Gegensatz zwischen Wissenschaft und Lebenswelt in Bezug auf Geschichte mit dem Begriffspaar „Rekonstruktion“ und „Vergegenwärtigung“ zu fassen. Professionelle Historikerinnen und Historiker rekonstruieren Vergangenes, im Alltag wird Vergangenheit aber vergegenwärtigt.[17] Was die Seite der Wissenschaft betrifft, so übernimmt Schörken mit dem Ausdruck „Rekonstruktion“ einen Terminus, den etwa Ernst Schulin in seinen lesenswerten Studien zur Geschichte der Geschichtswissenschaft genutzt hat.[18] Die Antithese ist freilich nicht stark: Wer Vergangenes „rekonstruiert“, vergegenwärtigt es stets auch, und das gilt in gewisser Weise umgekehrt genauso.
Der großer Vorzug von Schörkens Buch ist die Fülle des ausgebreiteten Stoffs und der Gehalt durch gut gewählte Beispiele. Auf die einleitenden Passagen folgt ein keineswegs vollständiger, aber spannender Durchgang durch die Geschichte der einschlägigen Literatur, vom historischen Roman des 19. Jahrhunderts über die Zwischenkriegszeit mit Lion Feuchtwanger, Ricarda Huch, Heinrich Mann und Stefan Zweig bis hin zu Dieter Kühn und Umberto Eco. Fallstudien sind Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass und Ernst Jünger gewidmet.[19]
Schörkens Schwerpunkt liegt aber auf Schriften mit hohen Auflageziffern, von Walter Scott über Victor von Scheffel und Felix Dahn bis hin zu Götter, Gräber und Gelehrte von Ceram (1949) und Rudolf Pörtners Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit (1959). In den Interpretationen, die Schörken gibt, wird deutlich, dass die Geschichtswissenschaft die literarischen Wege, mit Vergangenheit umzugehen, nicht verdrängt, wohl aber beeinflusst. Das führt dahin, dass etwa bei Ceram die Forschung und ihre Protagonisten, namentlich Archäologen, selbst dargestellt werden, so dass die Erzählung der Entdeckungen die Spannung erzeugt, die ein beim breiten Publikum erfolgreiches Buch braucht.
Insgesamt zeigt Schörken eine breite Palette von „Darbietungsmöglichkeiten“ geschichtlicher Stoffe auf, denen in seinen Augen unterschiedliche Geschichtsinteressen entsprechen.[20] Das von ihm aufgestellte Tableau beansprucht nicht erschöpfend zu sein; so fehlt zum Beispiel das weite Gebiet des Geschichtsdramas, das gerade im 19. Jahrhundert wichtig war.[21] Andererseits dehnt er sein Thema bis hin zu Darstellungen aus, in denen – wie in Günter Grass‘ Butt – die Geschichte als Ganzes reflektiert wird. Und neben den Medien und Gattungen historischer Vergegenwärtigung berücksichtigt Schörken die Präsenz von ‚Geschichtspartikeln‘ im menschlichen Bewusstsein, wobei er Walter Kempowskis Wiedergabe von „Trivialgesprächen“ heranzieht.[22] Mit der Wendung von Geschichtsdarstellungen als medialen Angeboten zum ‚Gerede‘ in der Straßenbahn oder im Gefängnis wird in gewisser Weise ein neues Fass geöffnet und das behandelte Gebiet nochmals erweitert.
In den Schlusskapiteln versucht Schörken, seinen Stoff zu bündeln, indem er „Funktionen der Geschichte in der Lebenswelt“ herausarbeitet. Er konzentriert sich auf drei Aspekte: „politische Legitimierung“, „soziale Aufwertung“ und „Erlebnissurrogate“.[23] Diese Auffächerung ist in der Art, wie sie konkret umgesetzt wird, ganz und gar nicht schematisch; die einzelnen Abschnitte enthalten eine Vielzahl interessanter Beobachtungen.
Wie Schörken eingangs betont hat, geht es ihm darum, die Legitimität des lebensweltlichen Umgangs mit Geschichte zu begründen. Den Nachweis führt er, indem er aufzeigt, dass diese Art der Vergegenwärtigung weit verbreitet, ja allgemein-menschlich ist. Was eine Vielzahl von Menschen für selbstverständlich hält und sogar schätzt, kann nicht einfach für null und nichtig erklärt werden. Diese Argumentation ist einleuchtend, doch es stellen sich Anschluss-Fragen: Ist das Wort Historie oder Geschichte für jede Art von Vergangenheitsbezug überhaupt passend? Und gibt es neben den Differenzen zwischen Wissenschaft und Lebenswelt nicht auch Gemeinsamkeiten? Eine liegt auf der Hand: Die Suche nach Wahrheit ist nicht gänzlich ins Feld der Wissenschaft abgewandert. Nur wenn dem so wäre, müsste die Geschichte für Leser ausschließlich auf ästhetische Reize und rhetorische Mittel bauen.[24] Das ist aber nicht der Fall.
[1] Vgl. Friedrich Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen. Zweites Stück: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben [1874]. Abgedruckt in: ders.: Kritische Studienausgabe (KSA), hrsg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari. München 1988, S. 243–334.
[2] Rolf Schörken: Begegnungen mit Geschichte. Vom außerwissenschaftlichen Umgang mit der Historie in Literatur und Medien. Stuttgart 1995, S. 11. – Diesem Buch war ein thematisch verwandtes vorausgegangen: Geschichte in der Alltagswelt. Wie uns Geschichte begegnet und was wir mit ihr machen. Stuttgart 1981.
[3] Einen guten Einblick in Schörkens Leben und Wirken gibt ein Interview, das der Geschichtsdidaktiker Thomas Sandkühler mit ihm geführt hat; auf die dortigen Aussagen stützt sich unsere biographische Skizze. Abgedruckt in: Historisches Lernen denken. Gespräche mit Geschichtsdidaktikern der Jahrgänge 1928–1947, hrsg. v. Thomas Sandkühler. Göttingen 2014, S. 38–60.
[4] Vgl. ebd., S. 39.
[5] Siehe u.a. Rolf Schörken: Die Niederlage als Generationserfahrung. Jugendliche nach dem Zusammenbruch der NS-Herrschaft. Weinheim, München 2004.
[6] Ders.: Morphologie der Personen in Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“. Diss. phil. Bonn 1955, Druckfassung Bonn 1957. Geschrieben bei dem Germanisten Günther Müller.
[7] Historisches Lernen denken, S. 40.
[8] Ebd.
[9] Ebd., S. 41.
[10] Ebd., S. 42.
[11] Vgl. Karl-Ernst Jeismann: „‚Geschichtsbewußtsein.‘ Überlegungen zur zentralen Kategorie eines neuen Ansatzes der Geschichtsdidaktik“, in: ders.: Geschichte als Horizont der Gegenwart. Über den Zusammenhang von Vergangenheitsdeutung, Gegenwartsverständnis und Zukunftsperspektive. Paderborn 1985, S. 43 –71.
[12] Historisches Lernen denken, S. 48. Vgl. auch ebd., S. 54.
[13] Ebd., S. 58.
[14] Erschienen im Nordpark Verlag, Wuppertal 2006.
[15] Erschienen im WOCHENSCHAU Verlag, Schwalbach/Taunus 2012.
[16] Vgl. etwa Christine Gundermann u.a.: Schlüsselbegriffe der Public History. Göttingen 2021.
[17] Schörken: Begegnungen mit Geschichte, S. 11 passim (Kap. I).
[18] Vgl. Ernst Schulin: Traditionskritik und Rekonstruktionsversuch. Studien zur Entwicklung von Geschichtswissenschaft und historischem Denken. Göttingen 1979.
[19] Vgl. Schörken: Begegnungen mit Geschichte, S. 25 – 104 (Kap. II und III).
[20] Ebd., S. 20.
[21] Vgl. etwa Walther Hinck: Geschichtsdichtung. Göttingen 1995, und Friedrich Sengle: Das Historische Drama in Deutschland. Geschichte eines literarischen Mythos. Stuttgart 1969.
[22] Schörken: Begegnungen mit Geschichte, S. 112–117.
[23] Ebd., S. 85–139 (Kap. IV). Im letzten Kapitel V behandelt Schörken Zeitung und Fernsehen. Siehe hierzu auch Geschichte im Fernsehen, hrsg. v. Guido Knopp und Siegfried Quandt. Darmstadt 1988.
[24] Vgl. Geschichte für Leser. Populäre Geschichtsschreibung im 20. Jahrhundert, hrsg. v. Wolfgang Hardtwig und Erhard Schütz. Stuttgart 2005.