Über Karl-Georg Faber, Theorie der Geschichtswissenschaft (1971)

Veröffentlicht am 10. April 2026 um 12:59

Ein Pionier der Geschichtstheorie 

„Theorie“ war in den Augen von Karl-Georg Faber (1925–1982) keine Lizenz für abgedrehte Gedankenspiele, sondern ein Ort für den „praktizierende[n] Historiker, der beginnt, über seine Tätigkeit nachzudenken“. Es lohnt sich, den fast vergessenen Pionier der Geschichtstheorie in Deutschland in Erinnerung zu rufen, der durch klare Gedankenführung und begriffliche Präzision besticht. Sein „Erfolgsbuch“ ist die Theorie der Geschichtswissenschaft.

Als Fabers Theorie 1971 in der Beck’schen Schwarzen Reihe erschien,[1] kam die Debatte um Geschichtstheorie gerade in Fahrt, und Wissenschaftstheorie war regelrecht en vogue. Die geistige Atmosphäre stand, weit über die Geschichtswissenschaft hinaus, im Zeichen des „langen Sommers der Theorie“.[2] Faber mischte sich als Historiker in einschlägige Debatten ein, die bis dahin vorwiegend in Philosophie und Soziologie geführt worden waren.

So nimmt er zu Hans-Georg Gadamers Wahrheit und Methode Stellung und plädiert für eine „historische Hermeneutik“, die er von „normativer Hermeneutik“, etwa innerhalb der Theologie, abhebt.[3] Mit Jürgen Habermas‘ Engführung von Erkenntnis und Interesse setzt sich Faber ebenfalls auseinander – nicht ganz ohne an der Idee einer historia contemplativa festzuhalten.[4] Faber ging es darum, die „relative Objektivität“ der wissenschaftlichen Historie vorsichtig zu verteidigen.[5] Deren Nähe zur Lebenswelt der Menschen war ihm freilich bewusst: Die Geschichtsschreibung spricht, wenn auch modifiziert, deren Sprache.[6] Doch Faber war Rationalist; historische Erkenntnis steht für ihn zu den alltäglichen Illusionen und Ideologien der Menschen in einem gewissen Spannungsverhältnis.

Bereits 1974 kam die 3., erweiterte Auflage von Fabers Theorie heraus. Als diese einige Jahre später vergriffen war, dachte er an eine grundlegende Überarbeitung. Er wollte sein Buch nach einem Jahrzehnt intensiver Beschäftigung mit dem Thema – und auch mit der Geschichte der Geschichtsschreibung – völlig neu schreiben. Doch seine Gesundheit war prekär, er starb 1982 viel zu früh im Alter von 57 Jahren, bevor er dieses Vorhaben umsetzen konnte.

Wer ist dieser Pionier der Geschichtstheorie? Der Sohn eines Unternehmers war nach Kriegsdienst und Studium in Mainz (bei Leo Just) zunächst an einer landeskundlichen Behörde tätig, die es ihm ermöglichte, vor allem zur rheinischen Landesgeschichte, seinem Spezialgebiet, fleißig zu publizieren. So schaffte er in Zeiten der Bildungsexpansion den Sprung zurück an die Universität. 1967 wurde er Professor in Saarbrücken, 1976 ging er nach Münster. Faber wechselte interessanterweise von einem Lehramt für neuere und neueste Geschichte auf eines für frühe Neuzeit, sein geschichtlicher Schwerpunkt war die Zeit um 1800. Im Jahr 1979 legte er einen Band im „Brandt-Meyer-Just“, einem Handbuch der deutschen Geschichte, vor, der sich mit der Zeit vom Wiener Kongress bis zur Revolution von 1848 befasst.[7]

Abgesehen von einem leichten ideengeschichtlichen Einschlag, deutet in Fabers Schriften vor der Theorie nichts auf Höhenflüge der Reflexion hin. Doch ergriff er die Gelegenheit beim Schopf, sich dieses neu aufkommende Gebiet zu erobern. Die freundschaftliche Zusammenarbeit mit dem Philosophen Karl-Heinz Ilting, dem Herausgeber von Hegels Rechtsphilosophie, in Saarbrücken war dabei sicherlich hilfreich.

Dann bewegte sich Faber mitten in den Debatten seiner Zeit. Er war an der Fachdiskussion lebhaft interessiert, aber er engagierte sich zugleich pädagogisch. 1981 leitete er zusammen mit Werner Conze und August Nitschke ein konzeptionell gelungenes Funkkolleg Geschichte; das Funkkolleg war ein wichtiges Medium des Fernstudiums für jedermann mit zahlreichen Teilnehmenden in der gesamten Bundesrepublik.

Für die sich entfaltende deutsche Geschichtstheorie war Fabers Tod ein Verlust. Die Diskussion war bald stark von Jörn Rüsen beeinflusst; Faber hätte wohl andere Akzente gesetzt, wenn er länger gelebt hätte. Eine Bemerkung des Philosophen und Didaktikers Volker Steenblock, der in Fabers letzten Lebensjahren in Münster studiert hatte, lässt ahnen, in welche Richtung Faber gegangen wäre. Steenblock erwähnt dessen „ungemeine Skepsis […] gegenüber jeder, wie er meinte, emanzipatorischen Sinnhuberei“.[8] Diese Haltung, die Steenblock als ein Wesenszug Fabers erinnerlich ist, grenze ihn von Rüsen ab.

Auch ich besitze Erinnerungen an Karl-Georg Faber aus meiner Studienzeit.[9] Da ich zugleich Mathematik als Fach gewählt hatte, fiel mir auf, dass manche Kommilitoninnen und Kommilitonen in der Geschichte, aber auch Dozenten eine gewisse Neigung zum ‚Wortschwall‘ zeigten. Nach meinem Dafürhalten redeten sie, bevor sie gründlich nachgedacht hatten. Sie wussten, quantitativ gesehen, viel zu sagen. Die Selbstgewissheit der einen war von politischer Parteinahme gestützt; andere waren belesen in der Art von Menschen, die Romane oder auch ‚Geschichtsbücher‘ verschlungen hatten und alles Mögliche memorierten – auch das in Nachtstunden im Halbschlaf Inhallierte. Vielleicht entwickelten sich die Begabteren unter ihnen zu Polyhistoren.

Mich stellte diese Art, mit Geschichte umzugehen, nicht zufrieden, und sie stand im Kontrast zu Fabers Gestus, der mir deshalb zusagte. An ihm prallte jede vorschnelle Gewissheit ab. Er war stets distanziert und schwieg, wenn er seiner Skepsis Ausdruck geben wollte. ‚Starke Thesen‘ oder auch nur ‚viele Worte‘ liefen ihm gegenüber ins Leere. In Seminaren wurden Quellen oder – im Falle von geschichtstheoretischen Themen – Texte nahe an ihrem Wortlaut kritisch besprochen. In seinen Vorlesungen hielt sich Faber an ein gut vorbereitetes Manuskript und formulierte sorgfältig. Was er äußerte, war wohlüberlegt.

Nun ist die Historie ein deskriptives Fach, in dem sich Genauigkeit zunächst einmal darauf bezieht, dass das, was gesagt wird, durch Belege aus Spuren des Vergangenen gedeckt sein muss. Bei der Auswertung von Quellen sei, so hieß es, „geschichtlicher Sinn“ vonnöten, der dazu führt, dass Nuancen und Details in ihrer Bedeutsamkeit Beachtung finden.[10] In der historistischen Tradition hat dieser ‚siebte Sinn‘ des Historikers aber auch als Lizenz für bloße Intuitionen hergehalten. Solche angemaßte Autorität fand bei Faber kein Pardon. Niemand Geringeres als Wilhelm von Humboldt hat das „Ahnden“ als Vermögen des Geschichtsschreibers ins Spiel gebracht. In seiner Theorie kommentiert Faber knapp: Es „[liefert] keine wissenschaftliche Erkenntnis“.[11] 

Vom „geschichtlichen Sinn“ und auch von historisch-philologischer Akribie ist nun die begriffliche Präzision zu unterscheiden, die ein Theoretiker oder eine Theoretikerin braucht. Bei Menschen, die erstere besitzen, fehlt es gelegentlich an argumentativer Stringenz, wie sie jemandem, der Mathematik kennt und schätzt, erwünscht ist. Faber gehört nun zu den wenigen Historikern, die scharfsinnig sind; er konnte „denken“ – und deshalb ist es immer wieder eine Wohltat, in seine Theorie hineinzulesen – selbst wenn einem manche der behandelten wissenschaftstheoretischen Fragestellungen vielleicht langweilig erscheinen mögen.

Faber klärt in seiner Theorie das kategoriale Gerüst historischer Arbeit. So widmet er sich – in Anknüpfung an Positionen des Historismus und in Auseinandersetzung mit ihnen – den Begriffspaaren des Individuellen und des Allgemeinen, mit Kausalität und Zufall, Typus und Struktur.[12] Ein Aufenthalt in den USA – an der Kent State University in Ohio – könnte anregend gewesen sein: Faber bereichert und korrigiert das historistische Erbe, dessen Problemstellungen er aufgreift, mit den Mitteln der analytischen Philosophie.

Dabei verliert er sich nicht in Spitzfindigkeiten. Für ihn war „Theorie“ eine die Praxis begleitende Angelegenheit; bekanntlich ist das heute oft nicht mehr so. Im Vorwort spricht er von sich als einem „praktizierenden Historiker“ (wie von einem praktizierenden Arzt), der „beginnt, über seine Tätigkeit nachzudenken“[13] – dieser in denkbar einfachen Worten bezeichnete Ausgangspunkt benennt auch die Aufgabe geschichtstheoretischer Erörterungen, wie Faber sie verstand.

Fabers Themenstellung war, mit einem Buchtitel von Theodor Schieder gesprochen, der nur sechs Jahre älter ist als die Theorie: Geschichte als Wissenschaft.[14] Was deren institutionalisierten Betrieb betrifft, so zeigt Faber ein gewisses Vertrauen. Er setzt voraus, dass er sich als Ort historischer Erkenntnis bewährt. Unter diesen Vorzeichen nahm er auch die Begegnung mit Wissenschaftlern aus Osteuropa, die der marxistischen Geschichtsphilosophie verpflichtet waren, ernst – bei aller Differenz der wissenschaftstheoretischen Standpunkte. Ein Austausch war in den 1970er Jahren durch die „Entspannungspolitik“ ja möglich geworden, und Faber beteiligte sich daran.

Steht dieses Vertrauen aber nicht im Kontrast zu seiner sonstigen Skepsis? Vielleicht. Wenn die Wissenschaft versagt, bleibt freilich die Idee der Aufklärung bestehen.

 

Hinweis:

Aus Anlass von Fabers 100. Geburtstag habe ich im Blog Geschichtstheorie am Werk einen Beitrag „Karl-Georg Faber 100. Die Theorie der Geschichtswissenschaft wieder gelesen“ verfasst. Er befasst sich mit etwas anderer Akzentuierung sowie ausführlicher und materialreicher mit dem empfohlenen Buch.

Der Artikel steht hier online.

 

[1] Vgl. Karl-Georg Faber: Theorie der Geschichtswissenschaft. München 1971, 3. überarb. Aufl. 1974. Im Folgenden wird die 3. Aufl. genutzt. Die Bezeichnung als „Erfolgsbuch“ findet sich in der Würdigung Fabers von Heinz Gollwitzer: „Karl-Georg Faber (Nachruf)“, in: Historische Zeitschrift 236 (1983), S. 773–778, hier S. 775.

[2] Vgl. Philpp Felsch: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990. München 2015.

[3] Vgl. Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Tübingen 1960, und Faber: Theorie, sechstes und siebtes Kapitel, S. 109–146 (Die Kapitel sind im Buch nicht durchgezählt).

[4] Vgl. Jürgen Habermas: Erkenntnis und Interesse. Frankfurt a. M. 1968, und Faber: Theorie, zehntes Kapitel, S. 183–203.

[5]  Vgl. Karl-Georg Faber: „Objektivität in der Geschichtswissenschaft?“, in: Historische Objektivität, hrsg. v. Jörn Rüsen. Göttingen 1975, S. 9-32.

[6] Vgl. Faber: Theorie, achtes Kapitel („Zur Sprache der Historie“), S. 147–164.

[7] Vgl. Karl-Georg Faber: Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Restauration und Revolution. Von 1815

bis 1851 (Handbuch der deutschen Geschichte, begründet von Otto Brandt, fortgeführt von

Arnold Oskar Meyer, neu herausgegeben von Leo Just, Band 3 / I, 2. Teil). Wiesbaden 1979.

[8] Volker Steenblock: „Die Legitimität des Historismus“, in: Historismus am Ende des 20. Jahrhunderts. Eine internationale Diskussion, hrsg. von Gunter Scholz. Berlin 1997, S. 174 –191, hier: S. 187, Anm. 41.

[9] Ich hatte das Glück, von 1979 an als „studentische Hilfskraft“ am Lehrstuhl von Karl-Georg Faber beschäftigt zu sein. 

[10] Zu dieser formelhaften Wendung vgl. zum Beispiel Friedrich Meinecke: Der geschichtliche Sinn und der Sinn der Geschichte. 4., veränd. Aufl. Leipzig 1939.

[11] Faber: Theorie, S. 57, und Wilhelm von Humboldt: „Über die Aufgabe des Geschichtsschreibers“ (1821), in: ders.: Werke in fünf Bänden. Darmstadt 1980, Bd. I, S. 585–606, hier S. 586f.

[12] Vgl. Faber: Theorie, drittes bis fünftes Kapitel, S. 45–108.

[13] Ebd., S. 7.

[14] Vgl. Theodor Schieder: Geschichte als Wissenschaft. Eine Einführung. München, Wien 1965